Technik


Teile verchromen

"Edelschicht"

Vernickelte, verchromte oder sogar vergoldete
Fahrzeugteile machen mächtig was her.
Neben dem Langzeitschutz gegen unliebsamen Rostfraß
wird ein tolles Outfit sozusagen gratis mitgeliefert. Damit
die Bauteile aber wirklich tadellos glänzen, ist eine sorgfältige
Vorbehandlung unbedingt erforderlich. Welcher immense Arbeitsaufwand allerdings dahinter steckt, ist weitgehend
unbekannt. Wir sahen uns in einer "Hexenküche" um.

Text: Winni Scheibe
Fotos: Scheibe, team métisse



Dass die Menschheit einen ausgeprägten Sinn für schöne Dinge hat, ist weitläufig bekannt. Und so wundert es auch nicht, dass bereits um 1800 v.Chr. (!) bei den Sumerern Metallveredelung bekannt war. Kostbare Schmuck- und Kunstgegenstände wurden mit Hilfe von Weinsäure und Eisenstäben in Kupfergefäßen vergoldet. Als vor etwa 200 Jahren das technische Zeitalter begann, entwickelte Luigi Galvani die Metallveredlung mit Hilfe von Elektrizität. Alexander Voltas Lehre der Kontakt-Elektrizität und Michael Faradays Erkenntnisse der Gesetzmäßigkeit bei der Zersetzung von Flüssigkeiten durch elektrischen Strom trugen weiter zur modernen Metallveredlung bei. Vor 150 Jahren erzielte man in Frankfurt erste brauchbare Nickelüberzüge. In der Werkstatt von Watt wurden ab 1916 Nickelbeschichtungen, die mit den heutigen üblichen Verfahren durchaus vergleichbar sind, durchgeführt. Trotz geringer Schichtdicke brachte der glänzende Überzug bereits sehr gute Korrosionsschutzwerte. Sollte das Bauteil obendrein auch noch ordentlich blitzen und blinken, war allerdings ständiges Aufpolieren der Oberfläche angesagt. Ab 1922 gehörte diese schweißtreibende Arbeit der Vergangenheit an. Als sicherer Anlaufschutz wurde über die Nickelhaut eine hauchdünne Chromschicht aufgebracht. Im Motoren- und Maschinenbau brachte die Verchromtechnik ungeahnte Vorteile. Verschleißteile, die mit einer Hartchromschicht überzogen waren, unterlagen nur noch wenig Abnutzung, und die Bauteile hatten somit eine erheblich längere Lebensdauer.


Alles was an dieser Indian von 1914 blinkt, ist lediglich nur vernickelt


Aus der Geschichte lässt sich somit ableiten, dass es bis etwa 1924 nur vernickelte Fahrzeugteile gab. Wer einen echten Oldtimer originalgetreu restaurieren will, sollte diesen Sachverhalt unbedingt beachten. Anderenfalls wäre es Stilbruch. Das Neuverchromen von Bauteilen aus späterer Epoche stellt allerdings kein Problem dar. Hier spielt es überhaupt keine Rolle ob es sich um einen Oldtimer oder Youngtimer handelt. Ganz im Gegenteil. Werden in Fachbetrieben mit den heute üblichen Arbeitsverfahren Bauteile von Klassikern neuvernickelt oder verchromt, ist die Qualität gegenüber früher immer bedeutend besser. Wer Sachen von seinem futschneuen Chopper oder Cruiser verchromen lassen möchte, braucht sich auch keine Gedanken zu machen. Die Galvanikspezialisten sind auf diesem Gebiet fit.

Glanz & Gloria: vernickelte oder verchromte Bauteile sind "in"

Verchromen ist allerdings keine einfache Angelegenheit. Die Sachen geschwind in ein Säurebad hängen und danach schnell mal neu verchromen, damit ist es längst nicht getan. Soll die Arbeit gut werden, sind allerhand Arbeitsgänge erforderlich. Je nach gewünschter Ausführung - ob verzinken, vernickeln, verchromen oder gar vergolden - müssen die Metallstücke in unterschiedlichen galvanischen Bädern ein mehr oder weniger langes 40 bis 60 Grad warmes elektrisches Bad nehmen. Diese Prozedur erfordert unfangreiche Fachkenntnis, viel Geduld und ist mit erheblichem Zeitaufwand verbunden.


"Veredeln" lässt sich im Prinzip jedes Bauteil.
Hier eine kleine Auswahl "unbehandelter" bis frisch verchromter Teile 

Doch bevor es soweit ist, muss sich der Bastler zunächst überlegen, mit welchem Überzug er das Bauteil beglücken möchte. Handelt es sich um ausgefallene oder eine große Menge von Teilen, ist auch ein Kostenvoranschlag empfehlenswert. Soll das Teil nur eine dauerhafte Schutzschicht gegen Korrosion bekommen - eine tadellose Optik wie sie zum Beispiel bei Schraubenelementen, versteckten Halteplatten- oder Streben  nicht erwünscht ist - genügt das Verzinken. Umfangreiche Schleif- und Polierarbeiten sind hier nicht erforderlich. Dieser galvanische Überzug ist die einfachste und preisgünstigste Oberflächenbehandlung. Einige Fahrzeugteile, zum Beispiel Motorradrahmen oder die Anhängerkupplung am PKW dürfen nach den Richtlinien des TÜVs nicht verchromt werden. Was man am Fahrzeug verchromen lassen darf, lässt sich bei den TÜV-Prüfstellen erfragen. Diese Sachen werden dann nur glanzvernickelt. Alle anderen Fahrzeugteile aus Kupfer, Messing, Stahl oder Zinkspritzguss lassen sich verchromen, versilbern oder vergolden. Auch Aluminium und Kunststoffe lassen sich mittlerweile mit einer galvanischen Glanzschicht überziehen.

Ganz gleich in welches galvanisches Bad das Bauteil aber gesteckt wird, zunächst sind umfangreiche Vorarbeiten fällig. Selbst die Lackreste abbeizen, oder die Roststellen mit dem Sandstrahler richtig sauber machen, lohnt sich nicht und ist auch nicht zu empfehlen. Diese "do-it-your-self" Säuberungsaktionen verursachen in aller Regel großen Schaden. Das Material wird porös, und die Fachbetriebe brauchen anschließend bedeutend mehr Zeit, um die Oberfläche wieder spiegelglatt zu bekommen. Wer also etwas galvanisieren lassen möchte, braucht das Bauteil nur abbauen, gegebenenfalls zerlegen, es ordentlich sauberwaschen und im Fachbetrieb abzugeben. Alte Fahrzeugteile wie zum Beispiel Motorradtanks muss man allerdings besonders gründlich säubern und Auspuffanlagen gut ausbrennen. Für alles weitere sind die Spezialisten im Galvanikbetrieb zuständig.

Wie im einzelnen der Auftrag entgegengenommen wird, ist von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich. Für den Biker ist es letztendlich nur wichtig, dass er genau die Brocken, die er abgegeben hat, mit neuem Glanz zurückbekommt. Handelt es sich nur um zwei oder drei Sachen, ist der Ablauf sicherlich kein Problem, ist es aber eine randvolle Schachtel mit Kleinteilen, Schrauben, Muttern und allen möglichen Spezialdistanzbuchsen, sollte man für den Fall des Falles sicherheitshalber eine eigene Checkliste mit kurzer Beschreibung anfertigen. Wird durch einen blöden Zufall was vertauscht, und keiner weiß mehr genau, wem das Zeug gehört, hat man somit wenigstens etwas Schriftliches in der Hand. Perfektionisten machen sogar von jedem Teil ein Foto. Vom Tag des Abgebens, bis man die Sachen wieder abholen kann, liegen meist sechs oder acht Wochen, oft kann aber noch mehr Zeit vergehen. Und wer weiß dann noch genau, was alles in der Kiste lag...

(Foto: team métisse)


Doch genug der gut gemeinten Ratschläge und ab in die Hexenküche. Hexenküche deswegen, weil es wirklich pfeift, jault, kreischt, brodelt und faucht, eben genau so, wie man sich als Kind besagte Hexenküche vorgestellt hat. In einer galvanischen Werkstatt stehen nicht nur mächtige, randvolle mit Laugen gefüllte Bottiche, in denen die Brühe brodelt, und über diesen Tauchbädern hängt eine Dunstglocke, es wird mit elektrischem Strom hantiert, an den Schleifmaschinen sprühen wild die Funken, und beim Polieren setzt sich der feine Staub in jede Hautpore.
Zunächst gilt es, die angelieferten Teile bis auf die Grundfläche zu säubern. Alle lackierten Teile werden zunächst im Entlackungsbad zwischen einer bis fünf Stunden von ihrer aufgespritzten Farbe befreit. Handelt es sich um Sachen, die bereits einen galvanischen Überzug hatten, muss diese Schutzschicht natürlich auch erst einmal runter. In einem elektrolytischen Bad wird die Oberfläche entchromt und entnickelt. Anschließend kommen die Teile in ein mehrstündiges Salzsäurebad zum Entrosten.


Ist die Oberfläche danach metallisch sauber, lassen sich entsprechend der Betriebszeit deutlich Kratzer, Riefen und Rostspuren erkennen. Je nach Erfordernis beginnt nun die Schleifarbeit in mehreren Arbeitsgängen. Mit 60er, 120er oder 240er Körnung wird der Oberfläche zu Leibe gerückt. Hierbei muss der Monteur darauf achten, dass ein gleichmäßiges Schleifbild entsteht. Auf keinen Fall dürfen sich einseitige Schleifspuren bilden. Im nächsten Arbeitsgang wird das Teil gesisalt, dieses Glätten ist eine Vorstufe zum eigentlichen Polieren, und danach an der Schwabbelscheibe poliert. Diese Arbeit verlangt nicht nur handwerkliches Fingerspitzengefühl und ein hohes Maß an Erfahrungen, sie ist auch sehr zeitaufwändig sowie schmutzintensiv. Es dürfen auf keinen Fall Schleifspuren zurückbleiben, denn jeder Kratzer lässt sich später in der Chromfläche sehen.

Bevor die blanken Bauteile nun ihre Kupferschicht erhalten, werden sie mittels Perchloräthylendampf von dem Schleif- und Polierfett gereinigt und entsprechend des Materials mit einem besonderen Vorbehandlungsverfahren in verschiedene Beizen getaucht, damit vorm Galvanisieren auch feinste Oxydschichten entfernt sind. Nachdem die Teile mit einer 50 bis 60 my starke Kupferschicht überzogen sind, werden sie getrocknet und ein zweites Mal an der Schwabbelscheibe auf Hochglanz poliert.

Vergammelte oder sehr alte Bauteile, die trotz intensiver Schleif- und Polierarbeit weiterhin Rostspuren aufweisen, kommen noch einmal ins Kupferbad, werden erneut poliert, und sind die Macken dann immer noch nicht weg, wird der Vorgang solange wiederholt, bis die Oberfläche spiegelblank ist. Ist man mit der Arbeit zufrieden, werden die Brocken gereinigt, entfettet und im Anschluss daran mit 2 bis 10 Volt Schwachstrom im elektrischen Galvanikbad hochglanzvernickelt. Je nach Größe kann der Aufenthalt 15 Minuten, aber auch gut zwei Stunden dauern. Die aufgetragene Nickelschicht beträgt hiernach etwa 20 my. Im Anschluss an dieses Tauchbad werden die Teile kurz mit klarem Wasser abgespült und kommen dann ins Chrombad. Nach etwa fünf Minuten ist der galvanische Prozess beendet und die Oberfläche mit einer nur 2 my (ein my ist 0,001 Millimeter!) dicken, zunächst gelblich wirkenden, Chromschicht gleichmäßig überzogen. Nach Abspülen im Wasserbad erhält das Bauteil nun endlich seinen neuen Chromglanz.

Anstelle von Chrom lässt sich die Oberfläche aber auch vermessingen, versilbern oder vergolden. Letzteres ist allerdings eine reine Kostenfrage. Ohne Trocken- oder Aushärtezeit können die Bauteile sofort montiert werden.


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