Museen


"Honda-Collection-Hall"
Honda Museum in Motegi


"Erb-Gut"


Die Gegensätze können kaum krasser sein. Hier eine moderne
High-Tech-Welt und gleich daneben jahrtausendealte Kultur. Für
Japaner das Normalste von der Welt. Im Motorradbau haben die
Asiaten längst Geschichte geschrieben. Im Honda Museum in
Motegi/Japan lässt sich bis in die Anfänge der Zweiradmobilisierung
abtauchen. Prädikat: Einmalig und besonders wertvoll.

Text: Winni Scheibe
Fotos: Scheibe, Archiv Honda




Eigentlich dürfte es die Honda Erfolgsgeschichte gar nicht geben. In Japan zählt nämlich Teamgeist. Entscheidungen werden im Kollektiv getroffen, Individualismus ist verpönt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Soichiro Honda aber ganz egal. Er setzte seinen Kopf durch und bastelte Mopeds zusammen. Zunächst als "Ein-Mann-Betrieb" in einer kleinen Holzbaracke, aber schon bald expandierte seine Firma zum Mittelstandsunternehmen. Mit pfiffigen Ideen revolutionierte der clevere Techniker die Motorradtechnik. Er brachte ständig etwas Neues auf den Markt, obendrein engagierte er sich mit Leib und Seele im Rennsport. Die Motorradmarke Honda kannte bald jedes Kind. In Japan jedenfalls. Soichiro Honda dachte allerdings viel weiter. Weltweit wollte er seine Maschinen verkaufen, doch davor musste zunächst kräftig die Werbetrommel gerührt werden. Um die Qualität seiner Motorräder unter Beweis zu stellen, beschloss der Firmenboss in den Grand-Prix-Rennsport einzusteigen. Aber noch etwas war Soichiro Honda dabei wichtig. Nach dem verlorenen Krieg würden sich die Rennerfolge als Motivation und Ansporn auch auf die Firmenbelegschaft positiv auswirken. 



Benzin im Blut: Soichiro Honda 
(Foto: Archiv Honda)


Honda RC160
Erste Vierzylinder-Werksrennmaschine von 1959

Das war im Frühjahr 1952! Bis es allerdings so weit war und die ersten Lorbeerkränze errungen wurden, vergingen noch gut acht Jahre. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Von 1961 bis zu einem vorläufigen Rückzug aus dem GP-Sport Ende 1967 holte Honda insgesamt 16 WM-Titel. 









Soichiro Honda hatte 1946 aufs richtige Pferd gesetzt, im Wettbewerb der über 100 Moped- und Motorradhersteller im Inselreich lag seine Firma bald an der Spitze, von den vielen anderen Firmen haben letztlich nur Yamaha, Suzuki und Kawasaki den Sprung in die Neuzeit geschafft. Honda hat immer wieder für Überraschungen gesorgt, hat Meilensteine in der Motorradgeschichte gesetzt. Zum Beispiel 1968 mit der legendären CB750Four. Sie war die erste Vierzylinder-Großserienmaschine der Welt und mit diesem Bike hat Honda nun endgültig den Motorradmarkt erobert. Erfahrungen mit der Massenfertigung hatte man längst, bis 1968 waren bereits über 10 Millionen (!) Maschinen gebaut worden. Alles weitere ist Geschichte.




Vielfach wird bei uns den Japanern allerdings unterstellt, sie seien nur auf das Neueste vom Neuesten scharf. Was gestern war, interessiere sie nicht. Betrachtet man die ständige Modellflut, scheint dieses Klischee auch zuzutreffen, doch das stimmt so nicht. Bestes Beispiel hierfür ist der Honda Twin Ring Motegi, etwa 120 Kilometer nördlich von Tokio gelegen. Pünktlich zum 50. Geburtstag der Honda Motor Company hat der weltgrößte Motorradhersteller 1998 diese gigantische Erlebniswelt mit verschiedenen Rennstrecken, Campingplätzen, Hotel und einem respektablen Werks-Museum, der "Honda Collection Hall", eröffnet.






Im dreistöckigen Kultur-Palast ist fast alles, was das Werk in seiner Firmengeschichte gebaut hat, zu sehen. Den rechten Teil hat man den Honda Autos gewidmet, links stehen die Motorräder. Aber nicht nur von Honda, auch top restaurierte Motorräder aus der "restlichen Welt" und vorrangig Deutschland hat man einen gebührenden Platz eingeräumt. Und das hat seine Gründe. Genau wie Deutschland lag Japan nach dem Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche und ähnlich schnell kam der Wiederaufbau in die Gänge. Damit die Bevölkerung jedoch pflichtbewusst Produkte "made in Japan" kaufte, hatte die Regierung in Tokio zum Schutz der eigenen Wirtschaft strikte Importbestimmungen erlassen. Jedoch mit einer Ausnahme: Benötigte ein heimischer Hersteller für "Studienzwecke" ein ausländisches Modell, war das zuständige Ministerium sehr behilflich.



Motorräder aus Deutschland und England waren für Honda zunächst die großen Vorbilder

Honda-san ging sogar noch einen Schritt weiter. Für den Ausbau der Produktionsanlagen unternahm er Anfang der 50er Jahre eine Geschäftsreise nach Europa. Bei dieser "Shopping Tour" kaufte er für über eine Million US-Dollar hochmoderne Fertigungsmaschinen. Auch ließ sich der Jungunternehmer die Gelegenheit nicht entgehen, verschiedene Motorradwerke zu besuchen, um sich dabei die technischen Finessen bis ins kleinste Detail erklären zu lassen. Besonders beeindruckt war Honda-san vom NSU-Werk in Neckarsulm, dem NSU-Rennstall und den hochtourigen dohc-Rennmotoren des damals weltgrößten Zweiradproduzenten.



NSU Fox und DKW RT125-Nachbau von Yamaha

Und so darf es dann auch nicht weiter wundern, dass die 90er BenlyJ von 1953 der NSU Fox sehr ähnlich sah. Auch die ersten Honda Einzylinder-Viertaktmaschinen von 1955, die 250er Dream SA und 350er Dream SB, lassen Erinnerungen an die berühmte Horex Regina wach werden.




Vom "Abkupfern" oder "Nachbauen" konnte bei Honda aber schon bald keine Rede mehr sein. Die erste 250er Zweizylinder-Straßenmaschine Dream C70 hatte 1957 kaum noch eine Ähnlichkeit mit bekannten Maschinen aus dem fernen Europa. Der ohc-Parallel-Twin leistete 18 PS bei 7400/min, das Motorgehäuse war horizontal geteilt. Diese Konstruktion sollte Vorreiter vieler weiterer 125er, 250er sowie 305er Honda-Modelle werden. Alles was danach kommen sollte, prägte den Begriff: "japanischer Standard", was gleichzeitig auch zum Gütesiegel wurde.




Die Idee für ein Werksmuseum gab es bei Honda schon lange. Bereits Mitte der siebziger Jahre begann man in Japan, aber auch weltweit, Motorräder aus den verschiedenen Modellgenerationen zurück zu kaufen. Zunächst hortete man die zum Teil arg ramponierten Maschinen im Keller der Bowling-Halle im Honda-eigenen Vergnügungspark gleich neben der bekannten Suzuka-Rennstrecke, die ebenfalls zum Honda-Imperium gehört. Genaue Pläne für ein Museum gab es damals allerdings noch nicht, dafür begann man aber mit der Restauration. Alle Maschinen, ganz gleich ob Moped, Straßenmotorrad, Enduro, GP-Renner oder Moto Crosser wurden optisch und technisch picobello überholt, so perfekt, als rollten sie eben taufrisch vom Fließband. Konkrete Planungen für das Werksmuseum "Honda Collection Hall" fasste man Anfang der neunziger Jahre, als die Entscheidung für das neue Honda Motorsport-Zentrum "Twin Ring Motegi" getroffen wurde.



Honda S600


Werksmuseum seit 1998
"Honda Collection Hall"

Stände das Museum nicht im fernen Japan, läge der Versuch nahe, jedem Motorradfan diese Ausstellung als "Geheimtipp" zu verraten. Weltweit gibt es nichts Vergleichbares. Das Besondere ist allerdings auch die Zusammenstellung der Fahrzeuge. Honda war es ganz offensichtlich wichtig, nicht nur die eigenen Maschinen ins rechte Licht zu rücken, mit schmucken Motorrädern von Mitbewerbern ermöglicht man den Besuchern eine Zeitreise in die Motorradgeschichte. Und die beginnt mit einem originalgetreuen Nachbau von Gottlieb Daimlers "Reitwagen" aus dem Jahr 1885. Im großzügigen Zeitsprung geht es dann 1946 mit der ersten 50 ccm Honda weiter.



Nachbau von Gottlieb Daimlers "Reitwagen"


Was heute kaum noch einer weiß, mit diesen kleinen Hüpfern legte Soichiro Honda den Grundstein für seine Firmenkarriere. Zum Verkaufsrenner wurde die Super Cub. Ihr Produktionsstart war 1958, bis heute wurden weit über 35 Millionen Fahrzeuge von diesem unverwüstlichen 50-ccm-Viertakt-Moped gebaut. Und genau mit diesem „Moped" beschloss der agile Firmenboss den Weltmarkt zu erobern! Für diesen Schachzug gründete er im Juni 1959 eine Werksniederlassung in Los Angeles/USA. Mit einem rund zwei Millionen Dollar teuren Reklamefeldzug überschwemmte Honda das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der Werbeslogan "You meet the nicest people on a Honda" ging in die Geschichte ein. Aber auch die Musikszene machte sich der fernöstliche Motorradhersteller als Imageträger zunutze. Der Song "Little Honda" von der bekannten kalifornischen Beatgruppe `The Beach Boys` wurde ein Welthit. Insider behaupteten, Honda-san habe die populäre Gruppe "gesponsort". Weitaus bekannter als die Super Cub, die es offiziell in Deutschland nie gab, ist bei uns jedoch die "Affenbande" und das sind die Honda Monkey Modelle.



Hondas "Affenbande"


Berührungsängste mit Konkurrenzprodukten lassen sich nicht erkennen. Neben der CB450, dem "Black Bomber" von 1966, steht zum Beispiel eine top restaurierte Triumph Bonneville aus dem gleichen Jahr. Das Gleiche gilt aber auch für berühmte Modelle von NSU, Velocette und Norton, um hier nur die wichtigsten englischen Nobelmarken zu nennen und natürlich auch für die heimischen Mitbewerber von Yamaha, Suzuki und Kawasaki. Und so wird der Rundgang durch die Honda Collection Hall zum Ausflug in eine ruhmreiche Vergangenheit. In eine Zeit, als Motorradfahren noch Ausdruck von Abenteuer, Freiheit und Unabhängigkeit war. Gestern und Heute kommen dabei allerdings auch nicht zu kurz. Bikes aus den letzten Jahren sowie eine fast lückenlose Zusammenstellung aller Honda-Rennmaschinen, sowie zahlreiche Schnittmotore gewähren dem Betrachter einen Einblick in die technische Entwicklung.



Friedlich nebeneinander:
Triumph Bonneville und Honda CB450 "Black Bomber"


Und dann passiert es. Ein infernales Motorgeräusch lässt die Verglasung zur Hinterseite vom Museum zittern. Im Innenhof tummeln sich etliche Mechaniker, die genau wie in den sechziger Jahren in schneeweißen Rennmechanikeroveralls stecken, um eine 125er Vierzylinder-Werksrennmaschine. Gefühlvoll wird das hochtourige Triebwerk der kleinen RC146 von 1964 auf Temperatur gebracht. Der Lärm aus den vier offenen Megaphonrohren ist ohrenbetäubend, an dieser "Ruhestörung" scheint sich jedoch kein Besucher zu erschrecken. Niemand hat etwas gegen das Fotografieren, nur bei den Fragen gibt es Probleme, keiner der Mechaniker spricht englisch. Man verständigt sich mit "Zeichensprache" und in "Allerweltskauderwelsch" und erfährt, in japanisch höflicher Art, dass in der hauseigenen Werkstatt die Fahrzeuge restauriert und gewartet werden. Alle Ausstellungs-Bikes sind nicht nur optisch, sondern auch technisch Tip-Top in Schuss und lassen sich jederzeit für Oldtimer-Paraden einsetzen. Und beim Blick in die vorbildlich eingerichtete Restaurationswerkstatt entdeckt man die Suzuki Werksmaschine mit der Startnummer 7 von Barry Sheene.






Eine elektrisierende Spannung liegt in der Luft. Innen, in den geheiligten Hallen, stehen die Schmuckstücke und lassen sich bestaunen, hier draußen dürfen sie immer mal wieder zeigen, dass ihre Technik noch voll intakt ist. Lebendiger kann man sich ein Museum kaum vorstellen. Als Soichiro Honda vor über einem halben Jahrhundert seine ersten Maschinen zusammengeschraubt hat, nannte er sie "Dream". Der Visionär hatte den Traum, die Motorradtechnik zu revolutionieren und er wollte seine Maschinen weltweit verkaufen. Diesen Traum hat er sich erfüllt, am 6. Januar 1968 lief das einmillionste Motorrad vom Fließband und längst war Honda weltgrößter Motorradhersteller. Im August 1991 starb der unermüdliche Konstrukteur und Firmengründer, die Eröffnung des Museums durfte er nicht mehr miterleben. Doch sein Erbe ist in treuen und guten Händen.




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