Lexikon


Die Honda-Story

"Vom Mopedbastler zum Multi-Weltmeister"

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Japan zur
führenden Industrienation. Eine sensationelle Karriere
schaffte Soichiro Honda. Aus seiner "Hinterhof-Garage"
wurde der weltgrößte  Motorradhersteller.

Text: Winni Scheibe
Fotos: Winni Scheibe, Archiv-Honda



Honda Top-Modelle 2006:
Honda S 2000 und CBR 1000 RR

Wer von "Meilensteinen" spricht, meint Hondas. Mit pfiffigen Ideen hat Soichiro Honda die Motorradtechnik revolutioniert und mit cleverem Spürsinn den Weltmarkt erobert. Dabei fing alles ganz bescheiden an. Seinen "Ein-Mann-Betrieb" nannte er 1946 stolz "Honda Technical Research Institute". Gewerkelt wurde in einer winzigen Holzbaracke. Hier montierte der bereits 40jährige Firmengründer kleine 50 ccm-Zweitakt-Motoren an Fahrräder. Das Geschäft lohnte sich, im zerstörten Nachkriegsjapan wurde an allen Ecken und Enden dringend motorisierte Fahrzeuge benötigt.


Soichiro Honda
(Foto: Archiv-Honda)

Seine Kfz-Mechanikerlehre absolvierte der 1906 in Komyo geborene Soichiro Honda in Tokio. Nach der Ausbildung machte er sich 1928 in seiner Heimatstadt Hamamatsu selbständig. Zunächst wurde repariert, was in die Werkstatt kam. Nach einem schweren Autorennunfall musste Soichiro Honda jedoch über seine berufliche Zukunft nachdenken. Für zwei Jahre besuchte er nach der Genesung die technische Hochschule und begann danach Kolbenringe herzustellen. Es dauerte nicht lange und er war in Japan der Kolbenring-Spezialist. Kurz vor Kriegsende wurde seine Firma durch US-Bombenabwürfe schwer beschädigt, kaum vom Schock erholt, zerstörte Anfang 1945 ein schweres Erdbeben die verbliebenen Überreste.


Erstes Honda "Motor-Fahrrad" von 1946  (Foto: Archiv- Honda)

Soichiro Honda hatte 1946 aufs richtige Pferd gesetzt, im Wettbewerb der über 100 Moped- und Motorradhersteller im Inselreich lag seine Firma bald an der Spitze. Mit seinem Partner Takeo Fujisawa wurde im September 1948 die "Honda Motor Company" gegründet, und 1950 trugen knapp die Hälfte aller im Land gebauten Motorrädern das Honda-Logo am Tank. Anfang der 50er Jahre ging der agile Firmenboss auf Geschäftsreise und kaufte in den USA und Europa für über eine Million US-Dollar hochmoderne Fertigungsmaschinen. Gleichzeitig besuchte er auch die großen Fahrzeughersteller. Besonders beeindruckt war Honda-san (san, jap. Herr) vom NSU-Werk in Neckarsulm und den hochtourigen Viertakt-Rennmotoren des damals weltgrößten Zweiradproduzenten.
Es dauerte nicht lange, und der Ausflug trug Früchte. Ende 1951 brachte Honda sein erstes 150er Viertakt-Motorrad auf den Markt, das allerdings sehr stark an bekannte Maschinen aus Deutschland erinnerte. Auch die nächsten 250er und 350er Einzylinder-Motorräder hatten große Ähnlichkeit mit der deutschen Horex Regina.


Vorbild Zündapp: Honda Typ E von 1952
(Foto: Archiv- Honda)

Vorbild Horex: Honda 250 Dream 1956
(Foto: Archiv- Honda)

Von "Abkupfern" war bei Honda aber bald keine Rede mehr. Die 250er Dream C70 von 1957 war eine 100prozentige Eigenentwicklung. Der OHC-Twin leistete 18 PS, und diese Konstruktion sollte Vorreiter vieler weiterer Honda-Modelle werden. Das war aber bloß der Anfang. Das nächste Highlight war 1960 die 24 PS starke 250er Dream CB 72 Super Sports, und 1965 kam die Dream CB 450. Der 43 PS starke 450er DOHC-Twin hatte es faustdick hinter den Ohren. Locker erreichte der "Black Bomber" 180 Sachen. Nur Maschinen in der Königsklasse über 500 Kubik brachten damals solche Fahrleistungen.



"Black Bomber": Dream CB450 von 1965


Millionen-Ding: Super Cub von 1958
(Foto: Archiv- Honda)

Es sollte aber noch viel besser kommen. Doch zunächst ein kurzer Einschub. Bevor nämlich Honda weltweit bekannt wurde, machte man das große Geschäft mit Mopeds. Der Verkaufsschlager war das Super Cub. 1958 kam das Viertakt-Fünfzigerle auf den Markt und seit dieser Zeit haben rund 35 Millionen (!) Cubs das Werk verlassen. Und ausgerechnet mit diesem 50 ccm-"Hüpfer" begann der agile Firmenboss 1959, den Weltmarkt zu erobern! In diesem Jahr gründete Honda eine Werksniederlassung in Los Angeles/USA. Mit einem rund zwei Millionen Dollar teuren Reklamefeldzug eroberte man das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der Werbeslogan "You meet the nicest people on a Honda" ging in die Geschichte ein.


Meilenstein in der Motorradgeschichte: Honda CB750 Four

Ebenfalls Geschichte wurde der nächste Streich. Ende 1968 präsentierte das Werk die CB 750 Four. Sie war die erste Vierzylinder-Großserienmaschine der Welt und mit diesem Bike wollte Honda nun endlich den Motorradmarkt erobern. Erfahrungen mit der Massenfertigung hatte man bei Honda genug, bis 1968 waren bereits über 10 Millionen (!) Maschinen gebaut worden. Aber auch das Know-How stimmte. Immerhin konnte der Firmenboss bis zu dieser Zeit auf insgesamt 16 WM-Titel in den vier Solo-Klassen, 50 ccm, 125 ccm, 250 ccm und 350 ccm, zurückblicken. Seine Rennmaschinen waren technische Kunstwerke. In der 50 ccm-Klasse schob man einen Zweizylinder-Renner mit zwei obenliegenden Nockenwellen, vier Ventilen pro Zylinder, neun Gängen und 14 PS bei 21500/min an den Start. Bei den 125ern setzte Honda eine DOHC-Fünfzylinder-Viertaktmaschine mit 34 PS bei 20500/min ein, und in der 250er und 350er Weltmeisterschaft waren es DOHC-Sechszylindertriebwerke mit 60 bzw. 70 PS. In der Königsklasse bis 500 ccm vertraute Honda auf ein DOHC-Vierzylinderaggregat. Ohne jedoch den begehrten 500er WM-Titel zu gewinnen, zog sich das Werk Ende 1967 aus dem GP-Rennsport zurück. Den 500er-Titel holte erst 1983 Freddie Spencer auf der Dreizylinder-Zweitakt-Werksmaschine NS 500. Würde man alle Titel aufzählen, die Honda-Werksfahrer bis heute im Offroad-Bereich, im Endurance-Sport in der Superbike-WM und in der Straßen-WM errungen haben, ließe sich spielend ein dickes Buch füllen. Rennsport war und ist für Honda eben der beste Werbeträger.


Erste Vierzylinder-Rennmaschine von 1959
(Foto: Archiv- Honda)

Honda-Stars: Phillis; Taveri und Hailwood
(Foto: Archiv- Honda)


Sechsfacher Weltmeister: Jim Redman
(Foto: Archiv- Honda)


Erster 500er Weltmeister 1983 auf Honda: Freddie Spencer


Doch zurück zur CB 750 Four. Mit diesem Bike gelang Soichiro Honda tatsächlich der Durchbruch. Aber nicht nur das. Weltweit erlebte Anfang der 70er Jahre der Motorradmarkt einen ungeahnten Boom, das Motorrad war plötzlich nicht mehr billiges Transportmittel oder "arme-Leute- Fahrzeug" sondern Spaß, Hobby und Freizeit-Gefährt. Die CB750 Four wurde zum Bestseller, bis 1978 rollten über eine Million Maschinen vom Fließband! Sie war jahrelang Klassenprimus, heute ist sie ein Kultbike. Die "Four" war Hondas erster großer "Meilenstein", und viele weitere sollten folgen. Off-Roads, Superbikes und Tourenmaschinen, Bikes, mit denen man bequem und zuverlässig bis ans Ende der Welt fahren kann.
Als die ersten japanischen Motorräder bei uns auftauchten, wurden sie als billige Massenwaren abgestempelt, und als die Japaner sich aufmachten, den Weltmarkt zu erobern, sprach man von der "Gelben Gefahr". Heute ist ein Leben bei uns und anderswo ohne das japanische Angebot kaum mehr vorstellbar. Nicht auszudenken, was aus dem Motorradmarkt geworden wäre, wenn es Soichiro Honda nicht gegeben hätte. Im August 1991 starb der unermüdliche Konstrukteur und Firmengründer.


Honda CBX 1978

Honda GL 500 Silver Wing von 1983


Honda XV750V von 1984
(Foto: Archiv- Honda)

Honda CBR900RR von 2002

Sein Erbe ist in guten Händen. Weltweit gibt es mittlerweile in 32 Ländern 89 Werksniederlassungen, 20 davon allein in Europa. Jährlich produziert Honda rund 4,2 Millionen Motorräder, von der legendären "Cub" sind seit 1958 bis heute gut 35 Millionen Mopeds vom Band gerollt. Das hat weder das Ford T-Modell noch der legendäre VW Käfer geschafft. Im Rennsport hat Honda mit über 500 GP-Siegen inzwischen auch alle Rekorde gebrochen und die Firmenhistorie wird bei allem Erfolg ebenfalls geehrt. Das Honda Museum in Motegi bietet eine gigantische Erlebniswelt. Im dreistöckigen Ausstellungsgebäude ist fast alles, was Honda in der über 50jährigen Firmengeschichte gebaut hat, zu sehen. Eine bessere Stelle, die "Gestern" und "Heute" so dicht zusammenrückt, lässt sich kaum vorstellen: 
"You meet the nicest people in the Honda Collection Hall"
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