Legenden


Jochen "The Voice" Luck

"Der Herkules-Mann"

Der Altersschnitt heutiger Motorradfahrer liegt jenseits von
40 Lenzen. Das ist die eine Seite. Andererseits hält Motorrad fahren aber auch jung und fit. Bestes Beispiel hierfür ist Jochen Luck.
Der Kasselaner feierte am 23. September 2005 seinen
80. Geburtstag. Seine Frau schenkte ihm eine
Dolomiten-Motorradtour. Mit seiner BMW R80GS fährt der
rüstige Ruheständler nämlich immer noch recht flott.

Text: Winni Scheibe
Fotos: Archiv-Luck, Frohnmeyer, Scheibe



Jochen Luck


Ohne meine gute Schulausbildung, aber vor allem meiner ausgezeichneten Sportförderung hätte ich den Krieg nie überlebt. Ich war topfit, und meine drei Verwundungen habe ich gut überstanden. Als es an den Rückzug von der russischen Ostfront ging, hatte ich immer noch genügend Kondition, um alleine nach Haus zu kommen", erzählt Jochen Luck.
Man stutzt. Krieg? Welchen Krieg meint der agile Herr? Und dann legt der Kasseler los. "Moment mal, ich bin 80 Jahre alt. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war ich 14, damals wusste ich aber schon ganz genau, was ich wollte. Ich besuchte ein ausgezeichnetes Gymnasium, aber noch viel wichtiger für mich war der Eishockeysport. Das war mein Leben, und das sollte meine Zukunft werden. Bereits als Teenager schaffte ich es als Verteidiger bis in die Jugend-Nationalmannschaft, und als ich später zur Wehrmacht musste, gab es für die Meisterschaftsspiele sogar Sonderurlaub."

Das Schlittschuhlaufen hat der Ex-Eissportler bis auf den Tag nicht verlernt. Regelmäßig macht er die Kasseler Eissporthalle unsicher. Aufmerksame Beobachter behaupten, er läuft rückwärts schneller als andere vorwärts.


Mit der Renn-Rudge-Whitworth 1948 über die Chaussee


Geländefahrt 1954
Adler-Werksfahrer Jochen Luck
(Foto: Archiv Luck)

Eine weitere Leidenschaft wurden Motorräder. Die begann in der Nachkriegszeit 1948 mit einer 500er Rudge-Whitworth, die der 23-jährige auf dem Schwarzmarkt gegen fünf Pfund Kaffee und ein Paddelboot eingetauscht hatte.
"Eigentlich war der englische Dampfhammer mit Vierventil-Zylinderkopf eine reinrassige Rennmaschine. Doch der Vorbesitzer hatte provisorisch eine Beleuchtungsanlage daran gebastelt. Zum Starten musste die Maschine jedoch weiterhin angeschoben werden, der Auspuff war völlig ungedämpft", verrät Jochen Luck und lacht. Der Sound lässt sich gut vorstellen, aber damals störte das niemanden, und außerdem war er gleich nach Kriegsende zunächst für zwei Jahre bei der Kasseler Schutzpolizei untergekommen, und da kannte jeder jeden. Danach folgte eine kaufmännische Ausbildung und die Anstellung bei der Mercedes-Benz-Vertretung in seiner Heimatstadt. Sein stets adrettes Auftreten sowie seine Sprachgewandtheit machten den jungen Mitarbeiter schon bald zu einem erfolgreichen Fahrzeugverkäufer. Beruflich war das Gröbste bald geschafft, im Motorsport beteiligte sich der Heißsporn bei Geländefahrten und Straßenrennen. 



Jochen Luck 1960 bei einer Geländefahrt
(Foto: Archiv Luck)


Sein Talent war so groß, dass er für zwei Jahre Adler Werksfahrer wurde. "Die damaligen Wettbewerbe lassen sich mit heutigen nicht vergleichen. Gelände- und Straßenlangstreckenfahrten gingen meist über den ganzen Tag oder auch die Nacht durch, wir sind Hunderte von Kilometern gefahren. Das war eine enorme Herausforderung für Mensch und Maschine", erinnert sich der ehemalige Motorsportler.
Mehr zufällig kam er an den Job des Streckensprechers. Im Sommer 1949 hatte der Kasseler Motorsportclub ein Motorradrennen organisiert und brauchte dringend jemanden für die Ansagen. Jochen Lucks damaliger Chef Karl-Bernd Apell schlug ihn vor, alle waren hinterher begeistert.


Jochen "The Voice" Luck


Aus dem Sattel hinters Mikrophon:
Streckensprecher Jochen Luck
(Foto: Archiv Luck)


Über Langeweile in seiner Freizeit konnte sich Jochen Luck schon bald nicht mehr beklagen. Neben der aktiven Motorradrennerei folgten in den nächsten Jahren weitere Einsätze als Streckensprecher. Seine erste große internationale Veranstaltung war 1953 das Eifelrennen auf dem Nürburgring, danach war er im Metier fest etabliert. Bis 1987 brachte es Jochen Luck auf 488 Veranstaltungen, das heißt fast 3000 einzelne Rennläufe moderierte er. Bei den Motorrädern waren es exakt 36 GPs und 33 Moto Cross WM-Läufe, bei den Autos 21 Formel-1 GPs sowie 19 Sportwagen-WM-Rennen.


Dieter Braun im Gespräch mit Jochen Luck
(Foto: Archiv Luck)

Jochen Luck informierte die Schlachtenbummler immer sachlich und korrekt. Vor den Rennen sammelte er sein Hintergrundwissen im Fahrerlager bei den Piloten und Teams, ließ sich von den Mechanikern ausführlich in die technischen Finessen der Rennfahrzeuge einweihen. Seine Frau Hildegard, mit der er seit 1964 verheiratet ist, war bei den Rennen stets dabei. Sie notierte die Rundenzeiten, schrieb Tabellen und führte akribisch eine Fahrerkartei, über Graf Berge von Trips, Nicky Lauda, Jim Redman, Giacomo Agostini, Phil Read, Barry Sheene, Dieter Braun oder Toni Mang. Über alle Rennstars aus der damaligen Epoche hat sich so mit der Zeit ein unermesslich wertvolles Archiv angesammelt.



Hildegard und Jochen Luck 1970 in Hockenheim
(Foto: Archiv Luck)



Fahrerkarte von Barry Sheene



GP Frankreich 1977 # 7 Barry Sheene


Legende:
Suzuki-Werksfahrer Barry Sheene, 500er Weltmeister 1976 und 1977.
Am 10. März 2003 erlag der sympathische Engländer 
einem heimtückischen Krebsleiden.


# 7, Barry Sheene


Der Mann mit "Benzin im Blut" verstand es geschickt, mit seiner unverkennbaren Stimme während der Rennläufe seine Insiderkenntnisse in die Berichterstattung über die aktuellen Positionskämpfe mit einzuflechten. Die Zuschauer erfuhren, was auf der Piste los war, um welche Fahrer es sich handelte, woher sie kamen, mit welcher Maschine sie fuhren und ob es im Training Probleme gab. Bei den damaligen Schiebestarts wurden die Piloten in ihrer Landessprache begrüßt, auf finnisch, schwedisch, tschechisch oder japanisch und andere mehr.



Flugplatzrennen 1978 in Kassel-Calden:
Hildegard und Jochen Luck
(Foto: Archiv Luck)


Auch bei der berühmten "Speed Week" in Daytona Beach/Florida war er einmal Streckensprecher und sofort nannten ihn die Amis "The Voice". Dieser Spitzname wurde später sein "Markenzeichen".
Beruflich war Jochen Luck immer in der Fahrzeugbranche tätig und stellt fest: "Die Berichterstattung an der Rennstrecke war reines Hobby. Außer Aufwandsentschädigung und etwas Taschengeld gab es nichts dafür. Nach 28 Jahren bei Mercedes-Benz wechselte ich 1979 zu MAN in Kassel und war dort bis Ende 1991 Verkaufsniederlassungsleiter.



1987 legte "The Voice" das Mikrofon aus der Hand und widmete sich am Wochenende wieder dem aktiven Rennsport. Nun aber bei Oldtimer-Wettbewerben mit einer 350er Norton Manx. Für den Fahrspaß auf der Straße kam 1992 eine BMW R80GS hinzu. Nach verschiedenen Enduros von Maico, Bultaco und Honda war die GS seine erste BMW. Jedoch keine Stangenware, sondern eine für besseren Geländeeinsatz und einfacheres Handling abgespeckte und feingetunte Schalber-BMW. "Diese Maschine ist mir sofort ans Herz gewachsen", schwärmt Jochen Luck über sein Offroad-Bike. 


Offroad-Fan Jochen Luck

"Abgesehen von gelegentlichen Ausflügen über Schotterwege, fahre ich mit dem Boxer aber am liebsten über verwinkelte Landstraßen. In Nordhessen und dem angrenzenden Thüringen gibt es jede Menge wundervolle Sträßchen, die Gegend ist traumhaft, viele Ortschaften pikobello herausgeputzt", so der Nordhesse.
Im Schnitt bewegt Jochen Luck den Boxer pro Jahr gut 8000 Kilometer, das ist eine Fahrleistung, die kaum manch Jüngerer zusammen bekommt.



Rennsport-Legenden (v.l.n.r.):
Jochen "The Voice" Luck, Supersport-Weltmeister Jörg Teuchert, 15facher Weltmeister Giacomo Agostini, sechsfacher Weltmeister Jim Redman, achtfacher Weltmeister Phil Read
und zweifacher Weltmeister Dieter Braun
(Foto: Archiv Luck)



Speedweek 2005 in Oschersleben
(Foto: Frohnmeyer)


Neben dem Motorradfahren und anderen Oldtimer-Aktivitäten verfolgt der ehemalige Streckensprecher mit seiner Frau alle Läufe zur Motorrad-WM. Wie einst sind die rennbegeisterten Eheleute ein gut eingespieltes Team. Als VIP-Gäste reisen sie gemeinsam mal mit dem Auto und mal per Flugzeug zu den europäischen Motorrad-Grand-Prix, der Rennbazillus lässt sie beide einfach nicht los.




Wenn es allerdings ums Motorradfahren geht, steigt Jochen Luck lieber alleine auf seinen Offroad-Boxer. Am 23. September 2005 wurde der rüstige Pensionär 80 Jahre alt, sein Geburtstagsgeschenk kannte er schon. 
"Genau wie zum 70sten und 75sten spendierte mir meine Frau eine Dolomiten-Tour. Sie blieb im Hotel und ließ sich verwöhnen, ich habe mit der BMW die Stella umrundet. Nirgendwo ist Motorrad fahren schöner, und mir persönlich zeigt dieser Sport, wie fit ich noch bin, Motorrad fahren hält eben jung", ist Jochen Luck überzeugt.  


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